Förderungs- und Revisionsverband
gemeinwohlorientierter Genossenschaften.

Genossenschaften: Von der Kritik am Bestehenden zur Organisation des Neuen

von Karl Staudinger

 

Als einer der ersten Begründer der Genossenschaftsidee gilt der schottische Unternehmer und Sozialreformer Robert Owen (1771-1858). Er bezeichnet die Genossenschaft als „Vereinigung einer besonderen Art, die sich mehr auf Personen als auf Kapital stützt, nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein moralisches Ziel hat.“

1844 gründeten 28 Weber unter dem Einfluss von Owen die Konsumgenossenschaft „Gesellschaft der redlichen Pioniere von Rochdale“, um unabhängiger zu werden. Aus dieser Zeit stammen die Rochdale Prinzipien, unter ihnen die demokratische Mitbestimmung, die Förderung der Bildung und die politische und religiöse Neutralität. Die Genossenschaftsbewegung hat seither einen weiten Weg hinter sich, einige Genossenschaften haben Irrwege eingeschlagen, andere sind – jedenfalls aus der Sicht der ursprünglichen Ideale – auf Abwege geraten. Das ändert nichts daran, dass die Genossenschaft nach wie vor ein beachtliches Potenzial hat, uns bei der Bewältigung unserer wirtschaftlichen und wohl auch unserer gesellschaftlichen Herausforderungen zu helfen.

 

Die wesentlichen rechtlichen Merkmale der Genossenschaft sind der Förderauftrag, die Mitbestimmung und das Nominalwertprinzip. Jede Genossenschaft hat in ihrer Satzung festzulegen, wodurch sie ihre Mitglieder fördert. Die Einhaltung des Förderauftrags ist ein wichtiger Punkt der regelmäßigen Revision. Typisch für die genossenschaftliche Mitbestimmung ist das Kopfstimmrecht, das in vielen Genossenschaften gilt: Jedes Mitglied hat in der Generalversammlung eine Stimme, unabhängig von der Anzahl seiner Geschäftsanteile. Nach dem Nominalwertprinzip schließlich erhalten ausscheidende Mitglieder ihren Geschäftsanteil zu seinem ursprünglichen Wert (Nominalwert) zurück. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Kapitalgesellschaften, bei denen der Wert eines Anteils nach dem aktuellen Unternehmenswert berechnet wird – eine Einfallstür für Spekulation und Heuschrecken.

 

Wir sehen in der Genossenschaft eine äußerst attraktive Rechtsform für Menschen, die ihre wirtschaftliche Existenz unter Rücksichtnahme auf die Natur, auf den sozialen Zusammenhalt und auf vor- und nachgelagerte Wirtschaftsbereiche absichern wollen. Die Gründung einer Genossenschaft ist zudem einfacher als etwa die Gründung einer GmbH.

 

Warum ein neuer Revisionsverband?

Am 1. Juni 2015 hat der „Förderungs- und Prüfungsverein gemeinwohlorientierter Genossenschaften“ beim Wirtschaftsministerium seine Anerkennung als Revisionsverband beantragt. Wir sind überzeugt, dass die Gründung eines Revisionsverbandes neue Zielgruppen mobilisieren kann, ihre beruflichen und sozialen Fähigkeiten in die Gründung von Genossenschaften zu investieren. Wir verstehen uns dabei nicht als Konkurrenz zu, sondern als Kooperationspartner von Initiativen einer Neubelebung des Genossenschaftsgedankens, die es auch in bestehenden Revisionsverbänden gibt. Wir glauben aber, dass unser Revisionsverband mit seinem Fokus auf die Orientierung am Gemeinwohl besser als andere Verbände engagierte und kritische Menschen bewegen kann, vom Denken zum Tun, von der Kritik am Bestehenden zur Organisation des Neuen überzugehen.

 

Die nächsten Schritte

Während das Anerkennungsverfahren läuft (wir rechnen Ende 2015/Frühjahr 2016 mit einer Anerkennung), gibt es viel zu tun: Wir arbeiten an unserer Kommunikationsstrategie, an einer Website, an einem Bildungs- und Serviceangebot, an unserer Finanzierung, an der Unterstützung von Gründungswilligen, die noch vor unserer Anerkennung eine Genossenschaft gründen und zwischenzeitlich einem bereits bestehenden Revisionsverband beitreten wollen, und vieles andere mehr.

 

Dr. Karl Staudinger, Gründungsmitglied des „Förderungs- und Prüfungsvereins gemeinwohlorientierter Genossenschaften“ und rechtlicher Assistent des Vorstands