Förderungs- und Revisionsverband
gemeinwohlorientierter Genossenschaften.

Neidkultur

von Barbara Rauchwarter

 

(Der Text ist eine Zusammenfassung Barbara Rauchwarters aus ihrer Open Space Gruppe im Rahmen des Pfingstsymposiums 2015 in Schrems)

 

Es galt in der Arbeitsgruppe zum Thema Neidgenossenschaft zunächst zwischen Gier und Neid  zu unterscheiden.

 

Der Neid ist ein fundamentales Systemerfordernis – so Marianne Gronemeyer während einer Tagung in Goldegg 2013. Er sprengt mögliche Solidarität. Konkurrenz, Statusorientierung, Leistungsmaximierung und Habsucht, die als Triebfedern der bürgerlichen Gesellschaft angesehen werden dienen als Strategien zum Aufbau einer Neidkultur.  Gier, die allgemein als Ursache der Wirtschaftskrisen angesehen wird, richtet sich auf Materielles, will aktives Zugreifen, Aneignen. Die Besitzergreifung mehrt das sichtbare, nachweisbare Vermögen. Der Neid ist nicht handhabbar, spornt nicht an, ist nicht auf eigene Leistung bedacht, bleibt also – was das Erreichen eines Objektes angeht – passiv. Im Gegensatz zur Gier will der Neid nicht  das begehrte Objekt an sich bringen, sondern er will der beneideten Person schaden. Nicht das, was den Neid hervorruft -  Fähigkeiten,  Reichtum,  Erfolg, Ansehen, Status usw, ist das Ziel der Missgunst, sondern vor allem die Person, die das alles hat. Erst der Absturz des Beneideten  befriedigt den Neider und erfüllt ihn mit Schadenfreude. Schlussendlich brächte nur die Vernichtung des Beneideten Seelenruhe. Mobbing, Stalking und vieles andere sind Praktiken des Neides. Der Neid bleibt in der Unerträglichkeit des Gedankens stecken, dass jemand etwas hat, was mir versagt ist, verursacht Minderwertigkeits- und  Unterlegenheitsgefühle, duckt sich grollend unter eine herrschende Macht, sei es jetzt das Schicksal, Gott, die Vorgesetzten, der Chef oder die Chefin, die Nachbarn, Geschwister. Und sieht sich ohnmächtig ausgeliefert. Die Gier dagegen ermächtigt zu trickreichem Handeln.

 

Die neutestamentliche Erzählung von den Arbeitern im Weinberg bildete einen geeigneten Hintergrund für Erklärungsmodelle:

 

Die scheinbare Gleichbewertung der Leistung in dem Gleichnis führt zu Protest, zu artikuliertem Neid: „Du hast sie uns gleichgestellt“. Die Gleichmacherei des Weinbergbesitzers bringt die empörten Männer dazu, nun ihrerseits zu definieren, wer Erster und wer „das Letzte“  ist. Dabei übersehen sie, dass sie alle in einer gnadenlosen Arbeitswelt um das Überleben kämpfen. Mitgefühl, Anteilnahme ist ausgelöscht, weil es wenigstens diesen kleinen Triumph der Abgrenzung gibt: Die „Müßigen“ an dem Ort der Vermarktung der Arbeitskraft sind noch mehr am Rande als die Erstangestellten und sollen es auch bleiben. Heute beschreibt die sog. LOHNABSTANDSREGEL diese Zuweisung: unten soll auch unten bleiben. Die Regel schreibt vor, dass sich die Sozialhilfesätze von den untersten Lohngruppen unterscheiden müssen, damit der Anreiz zur Arbeit bleibe. Die von manchen als zu groß empfundene Nähe der Sozialhilfe zu den untersten Lohngruppen führte bekanntlich nicht zur Anhebung der Mindestlöhne, sondern zu der Absenkung der Sozialhilfe. Und damit kann man (das Schlimme ist: man kann offenbar wirklich) die Zufriedenheit derer mit den Niedriglöhnen erhöhen, ohne dass sie einen Cent mehr bekommen.

 

Die Beibehaltung der sozialen Abstufung zwischen Langzeitarbeitern und Kurzzeitarbeitern, also das fragwürdige „oben“ und „unten“ wird eingefordert. Die Verschiebung löst den Neid aus. Die Verteilungsgerechtigkeitsdebatte wird nur „ganz unten“ geführt – ohne Aussicht auf pragmatische Lösungen und Umverteilung. Das stellt für uns heute auch die Armutskonferenz fest.[1] Der Neid sprengt die mögliche Solidarität, die in prekären Arbeitsverhältnissen und Lebenslagen die Not lindern und wenden könnte. Entsolidarisierung  kritisiert u.a. Mac Pherson heute als die treibende Kraft des „possessive individualism“  in den kapitalistischen Systemen. [2]

 

Die Arbeitsgruppe fand dafür das Bild der Situation an Bord der Titanic hilfreich: weder Kapitän noch Steuermann auf der Kommandobrücke sind bereit, den Kurs zu ändern: „Das Schiff ist unsinkbar“ und es gilt das Rennen zu gewinnen. Für uns „Passagiere“ war die soziologische Zuordnung nicht eindeutig: manche sahen sich durchaus noch in Kabinen und damit in der Illusion, eventuell noch einen Platz im Rettungsboot zu ergattern. Einer, der  auch hin und wieder auf der Kommandobrücke mitmischt, klärte auf: wir befinden uns längst alle im Maschinenraum ... Aber auch da sei Handeln möglich: Verweigerung, Subversion und Sabotage.

 

Und natürlich der genossenschaftlichen Zusammenschluss!

 

[1]   Martin Schenk in AUGUSTIN 9.6.2015 Extremismus der Mitte.

[2]   Zit. nach: Duchrow, U..Bianchi,R. ,Krüger, R. U.Petracca: Solidarisch Menschwerden. Psychische und soziale Dekonstruktion im Neoliberalismus – Wege zu ihrer Überwindung, Hamburg 2006, S.50